Der Tunnel und das Licht

In dieser Zeit wird häufig die Metapher vom Licht am Ende des Tunnels bemüht. Die beengende Situation der Pandemie beziehungsweise der freiheitsmindernden politischen Regelungen wird früher oder später vorbei sein und wir werden aus der Dunkelheit ins Licht treten, so verspricht es das Bild. Eine Erfahrung die wir alle ganz praktisch kennen, wenn wir durch einen Straßen- oder Eisenbahntunnel fahren, die aber auch als bildliche Beschreibung für Beengtheitserfahrungen aller Art dienen kann, bis zum himmlischen Licht, das uns nach dem Tod erwarten mag oder auch früher, wer weiß.

 

Aber schon in der Metapher ist das Problem beschrieben: der Tunnelblick, der nur mehr einen Weg, eine Richtung und eine Lösung sieht und alles jenseits der Tunnelwände ausblendet oder als gefährlich oder gefährdend markiert. Ein verengter Blick, der nur mehr eine Wahrheit kennen will und alle Anstrengungen darauf konzentriert, alle anderen auf diesen Weg einzuschwören. Passend dazu ist der englische Ausdruck der target fixation, also der verengenden „Zielbindung“, durch die alle anderen Aspekte einer Situation in den Hintergrund treten.

 

Das ist es, was mich an dieser bereits über ein Jahr dauernden Corona-Krise vielleicht am tiefsten verstört. Der Eindruck, dass es auf vielen Ebenen eine sehr enge und normierende Konzentration auf einen kleinen Ausschnitt des Ganzen gibt. Dass versucht wird, eine mögliche Betrachtung der Situation als einzig legitime durchzusetzen: Die Pandemie ist das Problem, der Lockdown ist die passende Maßnahme und die Impfung ist die Lösung

 

Ich beginne hier keine Diskussion über Viren, über Impfungen oder über Intensivstationen. Nicht, weil ich in diesen Gebieten kein Experte bin – also, ich bin tatsächlich kein Experte in diesen Gebieten, aber ich finde auch nicht, dass nur Expert*innen über etwas sprechen sollten, das alle angeht, da die massiven „Bewegungsbeschränkungen“, die aus Expertendiskussionen und politischen Prozessen hervor gehen, alle angehen, wenn auch natürlich in unterschiedlicher Weise.

 

Aber ich glaube, ich kann etwas Hilfreicheres beitragen, als eine weitere Sichtweise auf Viren, Impfungen und Intensivmedizin, die auch nur relativ wahr sein könnte: Ich glaube, dass es in dieser Situation entscheidend ist, den Tunnel zu verlassen! Und ich glaube, dass das nicht so funktioniert, wie es die Metapher nahelegt, dass wir einfach immer weiter diese Straße entlang fahren müssen, und irgendwann ist der Tunnel dann vorbei und wir sind draußen.

 

Wie verlässt man einen Tunnel, der keine Ende zu haben scheint?

Indem man erkennt, dass man ihn selbst gebaut hat.

 

Indem man erkennt, dass das Licht nicht am Ende einer geraden Straße durch den Tunnel kommt, sondern indem wir es in uns wieder weit werden lassen. Direkt gesagt: Das Licht, das wir suchen, ist nicht am Ende des Tunnels, das Ende des Tunnels kommt, wenn wir das "Licht in uns" in den Blick bekommen.

 

Selbst wenn wir „Corona“ hinter uns gelassen haben, kommt sonst der nächste Tunnel und der nächste und der nächste – bis wir unsere Sichtweise ändern!

 

Diesen Tunnelblick, diese Einbahnstraße gibt es nämlich nicht erst seit „Corona“, er ist durch diese Situation nur noch enger und gleichzeitig spürbarer geworden. Es ist eine eindimensionale Konzentration auf Messbares, ein kurzfristiges Reagieren, wenn die zu Grunde liegende Dauerkrise wieder eine spezifische Notlage erzeugt hat und es ist das Verächtlichmachen oder Ignorieren aller Sichtweisen, die nicht einseitig technokratisch-materialistisch daher kommen. Kompakt gesagt: Der Tunnel, den wir schon so lange befahren, ohne die Erleuchtung zu erlangen, ist der Wunsch, die Lebendigkeit – und damit auch das Sterben – in den Griff zu bekommen, anstatt sich diesem Fluss bewusst zu überlassen. Anstatt  weiter und weiter wahrzunehmen, verengen „wir“ unseren Blick auf immer kleinere Bereiche, die zählen, während alles andere im Dunkel verschwindet. Die Triebenergie ist Angst und die eine oder andere Form von Angst haben wir alle.

 

Ein kurzer Einschub:

Ich bin, gerade wegen meiner Nähe zu progressiv-linkem Gedankengut, vom Großteil, was aus dieser Szene kommt, tief enttäuscht. Haben „wir“ nicht schon lange erkannt, dass es eine wirklich langfristige Bewegung gibt – wir sprechen hier von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden – die als Kontrollgewalt tiefer und tiefer in den Alltag, die Lebenswelt der Menschen eingreifen will und eingreift, bis tief in die Körper und Gefühle hinein? Müsste ein Impfpass, der „Freiheit ermöglicht“ nicht mindestens so viel Widerstand auf der Linken auslösen, wie es das auf der Rechten tut? Ich bin hier tief enttäuscht, auch was das eingeschränkte Verständnis von Gesundheit nur auf „Krankheitsbekämpfung“ und „Todesverhinderung“ betrifft und die Aspekte der gesamthaften Stärkung großteils ausser Acht lässt. Aber ich werfe das niemanden vor, ich lasse mich ent-täuschen, das hilft mir dabei, meinen Tunnelblick aufzulösen.

Denn diese Kontrollmacht ist durch keine geheime Weltelite gesteuert, sie ist noch nicht einmal „der Kapitalismus“, sie ist einfach der menschliche Verstand, unser aller Verstand, der sich davor fürchtet, die Kontrolle zu verlieren und deswegen das Leben immer enger beschränkt, im Wunsch, es zu „retten“.

 

Ich gehe also (noch) nicht gegen die Corona-Schutzmaßnahmen demonstrieren und ich gehe auch nicht auf eine Gegendemo, obzwar ich beides für völlig legitim erachte. Ich halte hier ein Plädoyer für die Weitung des Blickes und fürs ganz tief Atem schöpfen! Dass wir in uns die Spaltung und Enge zu überwinden vermögen und dem Leben wieder vertrauen können. Allem in uns Raum geben – damit die Tunnelwände transparent werden und irgendwann bröckeln können.

 

Ich plädiere hier übrigens nicht dafür, die "anderen" zu „verstehen“! Es genügt schon, andere Sichtweisen als legitim anzuerkennen. Es ist sehr sehr viel, in dieser Situation, NICHT Halt an den wohlfundierten Wahrheiten anderer Menschen oder von Institutionen zu suchen, sondern wirklich danach zu gehen, was das eigene Herz, das eigene Wesen, das eigene Ganze als wahrhaftig erspürt, auch wenn so viel dagegen sprechen mag, auch wenn es widersprüchlich ist. Nicht gegen das eigene Wesen zu handeln und anderen Menschen diese Freiheit auch zugestehen, das ist sehr viel in diesen Zeiten. Wir haben immer die Verantwortung für uns, die darin besteht, auf alles, was das Leben uns bringt, die gute Antwort zu finden, die, die uns gut tut. Das ist unsere wirkliche, eigene Verantwortung, die wir nicht delegieren können an „äußere“ Autoritäten, weder an die "Wissenschaft" noch die "Politik", nicht an Expert*innen, noch an Gurus, jedenfalls nicht, wenn wir frei im besten Sinne des Wortes sein wollen, nämlich unserem Wesen gemäß lebend. Natürlich wiederum ohne den Anspruch, alles selbst und besser wissen zu müssen.

 

Ich schreibe all das auch und in erster Linie, um meine Stimme wieder zu finden. Ja, wir leben in einem Land, indem ich öffentlich jede Meinung vertreten kann, solange sie nicht beleidigend, diskriminierend oder menschenverachtend ist und das ist gut so. Aber die Tunnelwände haben sich zusammen gezogen, so dass es mich ungewohnt viel Überwindung gekostet hat, meine Wahrheit zu teilen, im Wissen, dass sie nicht allen passen wird und ich damit leicht in die eine oder andere Schublade "gesteckt" werde. Mir ist auch klar, dass das was ich schreibe, für viele Menschen abstrakt klingen wird, obwohl ich glaube, dass es viel konkreter ist, als die meisten Verordnungen, die uns so häufig erteilt werden oder abstrakten Solidaritäten, die so moralisch eingefordert werden.

 

Ich sehe auch das Gute an der Situation, bin verblüfft, dass sich für mich als Einzelunternehmer eine Art von „marginalem Grundeinkommen“ ausgeht, etwas, dass viele Jahre lang als unfinanzierbar argumentiert wurde und ich glaube und spüre auch, dass sich im mehr oder weniger Verborgenen gerade vieles wandelt. Aber ich finde, es ist hoch an der Zeit, das Denken und Leben in immer enger werdenden Tunneln zu verlassen – wer könnte das nicht wollen?

 

Willkommen an der frischen Luft.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0